Der Titel „Ersatzkanzleramt“ zeigt, dass dieser Ort mehr war als nur Urlaubsziel Konrad Adenauers. Zwar folgte der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik dem verbreiteten Bedürfnis der Wirtschaftswunderjahre nach Erholung im Süden, doch nutzte er die Ruhe und Erholung auch für die Besinnung auf wesentliche politische Fragen und für Begegnungen mit internationalen Besucherinnen und Besuchern.
Konrad Adenauer war von September 1949 bis Oktober 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und von 1950 bis 1966 Parteivorsitzender der CDU. Achtzehnmal verbrachte er zwischen 1957 und 1966 seine Urlaube in Cadenabbia am Comer See, vierzehn davon in der Villa La Collina (übersetzt Villa Hügel), die er von einer französischen Aristokratenfamilie mietete. Den Hinweis auf diese Gegend, deren landschaftliche Schönheit und angenehme klimatische Bedingungen – und besonders wichtig für den Gartenfreund Adenauer, die üppige Vegetation – bekannt war, verdankte er seinem Parteifreund, dem Außenminister Heinrich von Brentano. Dieser hieß mit vollem Namen, Heinrich von Brentano di Tremezzo, seine Vorfahren stammten aus der Region um den Comer See.
Warum aber ist das Urlaubsziel eines Bundeskanzlers ein Ort der deutschen Demokratiegeschichte? Man darf nicht die Maßstäbe der heutigen schnelllebigen Zeit an diese Aufenthalte anlegen: Adenauer verbrachte teils mehrere Wochen in Norditalien. Für den Kanzler bedeutete das, neben der Erholung bei Spaziergängen und dem Boccia-Spiel, das regelmäßige Aktenstudium nicht zu vernachlässigen. Zusammenkünfte mit seinen Ministerinnen und Ministern, mit politischen Gleichgesinnten oder auch Oppositionellen, wie Willy Brandt, standen ebenso auf der Tagesordnung, wie der Empfang ausländischer Staatsgäste und Prominenter.
Wichtige politische Weichenstellungen der Jahre 1950 bis 1966 wurden in der Villa vorbereitet – darunter zentrale Impulse für die deutsch-französischen Beziehungen. So bereitete sich Konrad Adenauer dort im Sommer 1958 auf sein erstes persönliches Treffen mit dem neu gewählten französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle vor. Aus dieser Begegnung entwickelte sich in den folgenden Jahren eine enge Zusammenarbeit, die den Weg für die deutsch-französische Annäherung und Partnerschaft ebnete. Auch im Kontext des bis heute wirkungsmächtigen Élysée-Vertrags spielte die Villa eine Rolle: Als dessen Ratifizierung im Bundestag 1963 zu scheitern drohte, brachte eine interfraktionelle Besprechung vor Ort die Lösung. Der Konflikt innerhalb der CDU/CSU-Fraktion über eine engere Anlehnung an die USA oder an Frankreich wurde durch eine einseitig von deutscher Seite vorangestellte Präambel entschärft, in der das Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis festgehalten wurde.
Das Treffen Adenauers mit Willy Brandt im Herbst 1962 hatte hohe symbolische Bedeutung nach dem polarisierten Wahlkampf von 1961.
Zudem war die Villa ein Knotenpunkt europäischer und transatlantischer Netzwerke. Neben der deutsch-französischen Kooperation prägten insbesondere die deutsch-italienischen Beziehungen und die Benelux-Staaten den europäischen Einigungsprozess. Während der Kanzlerschaft Adenauers prägten vor allem christdemokratische Parteien diesen Prozess. In Italien war dies die Democrazia Cristiana, entsprechend eng waren die europäischen und bilateralen Beziehungen. Zwei einflussreiche italienische Politiker waren besonders häufig in der Villa zu Gast: Amintore Fanfani (Ministerpräsident 1958/59 und 1960-1963) und Antonio Segni (Ministerpräsident 1955-1957 und 1959/60, Außenminister 1960-1962, Staatspräsident 1962-1964). In Zeiten der Berlin- und Kuba-Krise suchten auch zentrale Akteure des transatlantischen Bündnisses den Austausch in Cadenabbia, darunter der NATO-Oberbefehlshaber Lauris Norstad, US-Außenminister Dean Rusk und der Nationale Sicherheitsberater John F. Kennedys, McGeorge Bundy.
Darüber hinaus entwickelte sich die Villa zu einem Ort kultureller und intellektueller Begegnung, bei Zusammenkünften beispielsweise mit Golo Mann, dem Sohn Thomas Manns und einem der bedeutendsten deutsch-schweizerischen Historiker des 20. Jahrhunderts, und mit dem expressionistischen Maler Oskar Kokoschka.
„So ist Cadenabbia mehr als ein reizvolles Urlaubsdomizil am Comer See, das die Erinnerung an den ersten Kanzler der Bundesrepublik lebendig hält. Es ist ein Ort des Vermächtnisses, ein Ort der Besinnung auf die internationalen Lebensbedingungen unseres Staates: Die Festigkeit der atlantischen Gemeinschaft und die politische Union Europas.“ (Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen sowie langjähriger Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung) Hier wird deutlich: Deutsche Demokratiegeschichte ist stets auch Teil einer europäischen Demokratiegeschichte. Die enge Verflechtung mit Europa, die feste Einbindung in das transatlantische Bündnis und die Rückkehr in die westliche Gemeinschaft demokratischer Staaten manifestieren sich in der Villa La Collina in besonderer Weise.
Heute ist die Villa La Collina ein Ort der politisch-historischen Bildung und des europäischen Dialogs. Als Tagungs- und Begegnungsstätte der Konrad-Adenauer-Stiftung bringt sie internationale Gäste aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. In Seminaren, Konferenzen und Austauschformaten knüpft sie an ihre historische Rolle an und macht die europäische Dimension deutscher Demokratiegeschichte erfahrbar.
