{"id":3170,"date":"2020-12-18T17:41:30","date_gmt":"2020-12-18T16:41:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.demokratie-geschichte.de\/index.php\/?p=3170"},"modified":"2020-12-19T22:39:26","modified_gmt":"2020-12-19T21:39:26","slug":"streitkultur-im-kaiserreich-politische-versammlungenzwischen-deliberation-und-demonstration","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/dg-dev.agentur-doppelstern.de\/httpdocs\/index.php\/3170\/streitkultur-im-kaiserreich-politische-versammlungenbrzwischen-deliberation-und-demonstration\/","title":{"rendered":"Streitkultur im Kaiserreich. Politische Versammlungen zwischen Deliberation und Demonstration"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Theo Jung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrung mit politischer Polarisierung hat die Frage nach den kommunikativen Formen des politischen Austausches neuerdings wieder verst\u00e4rkt auf die Agenda gesetzt. Ist der Tonfall \u00f6ffentlicher Debatten verroht oder werden Sagbarkeitsgrenzen durch politische Korrektheit gerade immer mehr eingeschr\u00e4nkt? Inwiefern treffen unterschiedliche Meinungen \u00fcberhaupt noch aufeinander, wo sie sich doch allzu leicht in ihren jeweiligen Echokammern einigeln k\u00f6nnen? Und ist es \u00fcberhaupt immer w\u00fcnschenswert, mit Rechten\/Linken zu reden, oder gibt es einen Punkt, an dem die gemeinsame Basis f\u00fcr einen sinnvollen Austausch fehlt? Im Hintergrund solcher Kontroversen steht die \u00dcberzeugung, dass Demokratie auf eine bestimmte Form der Konfliktkommunikation angewiesen ist. Nur eine gesunde Streitkultur, in der Konflikte im offenen Austausch von Argumenten ausgetragen und eingehegt werden, vermag die in modernen Gesellschaften nun mal unvermeidliche Pluralit\u00e4t von Standpunkten und Interessen kommunikativ zu \u00fcberbr\u00fccken. In fr\u00fcheren Jahrzehnten galt das Deutsche Kaiserreich oft als Kon\u00adtrast\u00adfolie zu diesem deliberativen Ideal. Das Pendant zum Bild eines repressiven Obrigkeitsstaats war die Vorstellung einer diskussionsunf\u00e4higen Untertanengesellschaft. In der \u00d6ffentlichkeit wie in der Historiografie dominierte die etwa von Norbert Elias vertretene Diagnose, nach der der \u201eVerkehrskanon\u201c des Kaiserreichs auf die \u201eUmgangsstrategie des Befehlens und Gehorchens\u201c anstatt des \u201e\u00dcberredens und \u00dcberzeugens\u201c ausgerichtet gewesen sei (Elias 1990, 90\u201391), mit ver\u00adhee\u00adrenden Folgen f\u00fcr die langfristige politische Entwicklung Deutschlands. In j\u00fcngerer Zeit sind jedoch vermehrt gegenl\u00e4ufige Stimmen laut geworden. Vor allem mit Blick auf die Wahlkultur haben wichtige Teile der Forschung die M\u00f6g\u00adlich\u00adkei\u00adten von B\u00fcrgern betont, im undemokratischen Rahmen Demokratie zu praktizieren (im Sinne des Aus- wie des Ein\u00fcbens). Gegen die Vorstellung von einer mundtoten oder mundfaulen Gesellschaft wird dabei auch die Vitalit\u00e4t der Diskussionskultur des Kaiserreichs hervorgehoben. Einen zentralen Aspekt bildet dabei die politische Versammlung. Eine n\u00e4here Betrachtung der sich wandelnden Rollen von Rednern, Gegenrednern, Publikum und Au\u00dfenseitern in ihrem Kontext kann dazu beitragen, die Ambivalenzen und Wandelbarkeit der Streitkultur des Kaiserreichs hervorzuheben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/www.demokratie-geschichte.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Gegen-die-Vorstellung-von-einerresize.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3171\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nach der Reichsgr\u00fcndung bildeten sich im internationalen Vergleich schnell feste Parteienstrukturen heraus. Um sie herum entstand eine Versammlungsform, die sich von den spontanen Ansammlungen im Kontext von besonderen Ereignissen oder Protesten durch eine streng reglementierte, quasi-parlamentarische Organisationsform unterschied. In den ersten Jahrzehnten dominierte dabei der \u201ekontradik\u00adto\u00adri\u00adsche\u201c Versammlungstypus, bei dem sich Vertreter verschiedener Richtungen vor einem heterogenen Publikum einen rhetorischen Schlagabtausch lieferten. Bei gemischten Versammlungen teilten sich beispielsweise liberale und sozialdemokratische Redner das Podium \u201ein einem Ton der Konzilianz oder gar der Freundschaft\u201c (Stampfer 1957, 45\u201346). Aber auch bei Parteitreffen wurde regelm\u00e4\u00dfig Zeit f\u00fcr sogenannte Diskussionsredner einger\u00e4umt. Die Parteien entsandten ihre besten Redner zu den Versammlungen ihrer Gegner, um dort f\u00fcr ihre Standpunkte einzutreten. Sie wurden im Vorfeld beim Pr\u00e4sidium angemeldet und konnten mit mindestens einer halben Stunde Sprechzeit rechnen. Wenn der Vorsitzende ihre Beitr\u00e4ge doch einmal vorschnell abk\u00fcrzte, f\u00fchrte dies zu lautstarken Protesten, auch aus dem eigenen Publikum. Wer gar keine Gegner einlud, setzte sich dem Verdacht aus, den argumentativen Kampf zu scheuen. Wenn sich kein Gegenredner fand, platzierten Parteien deshalb gelegentlich sogar selbst Personen im Publikum, um wenigstens pro forma eine kontr\u00e4re Stimme aufkommen zu lassen. Da das Publikum solcher Veranstaltungen meist gemischt war und durch Fragen, Kommentare, Zwischenrufe und andere Reaktionen aktiv in das Geschehen eingriff, be\u00adtrachteten viele Zeitgenossen solche Veranstaltungen als Quasi-Volksversammlungen, die als zwar nur momentane, aber doch allgemeine Repr\u00e4sentation des Volkswillens gelten durften.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Bedeutung hatte die Institution des Diskussionsredners f\u00fcr die Sozialdemokraten, f\u00fcr die sie oft die einzige M\u00f6glichkeit darstellte, sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Unter den Sozialistengesetzen, als es ihnen verboten war, eigene Veranstaltungen abzuhalten, nutzten sie die Treffen anderer Parteien, um ihre Stimme in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Auch danach blieb der Diskussionsredner eine wichtige Waffe, vor allem im l\u00e4ndlichen Raum, wo die eigene Anh\u00e4ngerschaft d\u00fcnn ges\u00e4t, die Obrigkeit feindlich gesinnt und die Inhaber von Wirtsh\u00e4usern wenig erpicht darauf waren, Genossen ihre R\u00e4umlichkeiten zu \u00fcberlassen. So traten etwa im Saarland selbst die prominentesten Sozialdemokraten nicht auf eigenen Veranstaltungen auf, sondern bei den Kundgebungen des Zentrums oder sogar des ber\u00fcchtigten Freikonservativen Freiherrn von Stumm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hinweis auf die Bedeutung der kontradiktorischen Versammlung vermag das Bild einer generell diskussionsunf\u00e4higen Gesellschaft zu differenzieren. Doch darf eine solche Korrektur nicht dazu verleiten, die Konstellation nun umgekehrt zu idealisieren. Be\u00adson\u00adders die sozialdemokratischen Gegenredner waren keinesfalls immer willkommen, und wenn sie doch empfangen wurden, blieben Konflikte nicht immer aus. Aufgrund der Heterogenit\u00e4t der Teilnehmer konnte die Atmosph\u00e4re solcher Veranstaltungen durchaus ruppig sein, vor allem wenn sich die Publikumsteilnahme nicht auf Fragen und Diskussionsbeitr\u00e4ge beschr\u00e4nkte, sondern in Zwischenrufe und andere St\u00f6rungen \u00fcberging. Zweitens ist daran zu erinnern, dass die Versammlungen stets nur eine Arena unter mehreren darstellten. Wie Armin Owzar (2006) am Beispiel Hamburgs gezeigt hat, bildete ihre lager\u00fcbergreifende Diskussionskultur in mancher Hinsicht gerade das Gegenst\u00fcck zur Alltagskommunikation. W\u00e4hrend die Vertreter der jeweiligen Eliten auf der \u00f6ffentlichen B\u00fchne ihre Wortgefechte austrugen, schotteten sich die sozialmoralischen Milieus am Arbeitsplatz, im Familienleben und bei der Freizeitgestaltung voneinander ab. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen die fast f\u00fcnf Jahrzehnte des Kaiserreichs mit Blick auf die Streitkultur der Versammlungen keineswegs als einheitlich betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab den 1880er Jahren zeichnete sich ein zun\u00e4chst schleichender, auf Dauer aber eingreifender Charakterwandel ab. Philipp Scheidemann beschrieb in seinen Memoiren, wie die Gelegenheiten, mit Gegnern zu debattieren, immer seltener wurden. Sozialdemokratische Diskussionsredner wurden nicht mehr eingeladen und oft auch nicht mehr geduldet (Scheidemann 1928, I, 71). Immer \u00f6fter waren die Versammlungen auf einen einzigen Hauptredner ausgerichtet. Dadurch entfiel nicht nur die Debatte auf dem Podest, sondern auch die argumentative Interaktion mit dem Publikum. W\u00e4hrend dieses durch Platzkartenvergabe auf die eigene Anh\u00e4ngerschaft eingeschr\u00e4nkt wurde, beschr\u00e4nkte sich seine Rolle zunehmend auf An\u00adwe\u00adsen\u00adheit und lautstarke Unterst\u00fctzung, durch die die zahlenm\u00e4\u00dfige St\u00e4rke und Energie des eigenen Lagers performativ unter Beweis gestellt wurden. So gestalteten sich die Versammlungen zunehmend als Monolog mit Beifall; aus einem Ort der Deliberation wurde einer der Demonstration.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwerpunktverschiebung von der kontradiktorischen Debatte zur Parteikundgebung war in mancher Hinsicht auch eine Reaktion auf die Tumulte, die die Konfrontationen vor und mit einem gemischten Publikum regelm\u00e4\u00dfig ausgel\u00f6st hatten. Doch resultierte diese Entwicklung keinesfalls in jeder Hinsicht in Disziplinierung. Dadurch, dass Gegner nun nicht l\u00e4nger in den Veranstaltungsablauf eingebunden waren, waren ihre Handlungsspielr\u00e4ume von vorn\u00adhe\u00adrein darauf beschr\u00e4nkt, von au\u00dfen auf ihn einzuwirken. Au\u00dferdem verlor die Versammlung durch ihre Homogenisierung ihre repr\u00e4sentative Legitimit\u00e4t. Gerade der eigene Ausschluss diente oft zur Rechtfertigung, gegnerische Versammlungen zu st\u00f6ren, zu kapern oder zu sprengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dazu angewandten Mittel waren nicht neu. Das Repertoire reichte vom Zwischenruf und lautem Lachen \u00fcber das Pfeifen, Stampfen, Trommeln und Singen bis hin zur komplett ausgewachsenen Katzenmusik. Neben akustischen St\u00f6rungen wurden unliebsame Redner mit Feuerwerk, Eiern, Fisch, Gem\u00fcse oder schlimmstenfalls sogar mit Steinen, St\u00fchlen oder anderen Gegenst\u00e4nden beworfen. Es wurde Ru\u00df oder Cayennepfeffer verstreut, um das Weiterreden unm\u00f6glich zu machen und in einigen F\u00e4llen arteten Rangeleien zu veritablen Saalschlachten aus. \u00c4hnliches war zuvor auch schon vorgekommen. Was sich allerdings ge\u00e4ndert hatte, war der Organisationsgrad. Aus einer Praxis, die in der Regel relativ spontan von einzelnen Elementen des Publikums ausgegangen war, wurde eine koordinierte Aktionsform. Parteien bildeten sogenannten Sprengkolonnen, die meist einige wenige, im Einzelfall aber bis zu 1.500 Personen umfassten, um die Versammlungen ihrer Gegner zu kapern, oder wenn das nicht gelang, ihre Aufl\u00f6sung zu bewirken. Das geltende Versamm\u00adlungs\u00adrecht bot daf\u00fcr g\u00fcnstige Ankn\u00fcpfungspunkte. Da jede Versammlung mit der Wahl eines vorsitzenden Bureaus er\u00f6ffnet werden musste, bot sich hier eine erste Gelegenheit, der organisierenden Gruppe die Kontrolle zu entrei\u00dfen. Gelang dies nicht, ging man mit mehr oder weniger rabiaten Methoden zur St\u00f6rung \u00fcber. Da selbst geringf\u00fcgige Zeichen von Unruhe f\u00fcr die anwesenden Polizisten oft Anlass waren, die Versammlung aufzul\u00f6sen, lie\u00df sich der Gegner auf diesem Weg effektiv zum Schweigen bringen. Eine vom M\u00fcnchener Demokratischen Verein veranstaltete Rede des Wiener Gemeinderats Lucian Brunner endete 1900 in tumultu\u00f6sen Szenen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVon Beginn warfen die Antisemiten mit Bierfilzen, faulen Aepfeln u. s. w. nach Brunner und dem Vorstandstisch. Bei der Bureauwahl skandalirten die zu einem Drittel anwesenden Antisemiten derart (Juden raus! Wir lassen keinen \u00f6sterreichischen Juden reden! &amp;c.), da\u00df auf Verlangen der Polizeibeamten die Versammlung geschlossen werden mu\u00dfte. Der Beamte ging sofort weg, worauf w\u00fcste Szenen erfolgten, Schl\u00e4gereien, Werfen mit Biergl\u00e4sern durch die Antisemiten. Auch mehrere Verwundungen gab es\u201c (Heidelberger Zeitung 7.3.1900).<\/p>\n\n\n\n<p>Infolge ihres hohen Organisationsgrades taten sich die Sozialdemokraten, die Antisemiten und das Zentrum mit solchen Praktiken besonders hervor. Aber auch Liberale und Konservative beteiligten sich um die Jahrhundertwende daran, wenn auch nur, um sich gegen den gef\u00fchlten Ansturm ihrer Gegner zu wehren. Aufgrund der unterschiedlichen r\u00e4umlichen Verteilung der jeweiligen Anh\u00e4ngerschaften gestalteten sich solche Auseinandersetzungen vor allem w\u00e4hrend des Wahlkampfs als territorialer Revierkampf. Das galt in den St\u00e4dten, in denen die erfolgreiche Durchf\u00fchrung einer Veranstaltung in \u201efeind\u00adli\u00adchen\u201c Vierteln als besonderer Erfolg gefeiert wurde, aber auch auf dem Land, wo sich besonders die Konservativen mit Unterst\u00fctzung der lokalen Eliten und Beh\u00f6rden gegen den bef\u00fcrchteten Vormarsch der Sozialdemokratie zur Wehr setzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die eigenen Versammlungen vor \u00dcbergriffen zu sch\u00fctzen, ergriffen die Parteien verschiedene Gegenma\u00dfnahmen. Als die Veranstaltungen der Freisinnigen Volkspartei im Berliner Reichstagswahlkampf des Jahres 1881 wiederholt von Antisemiten und Sozialdemokraten gekapert wurden, versuchten sie die Zusammensetzung des Publikums zun\u00e4chst durch die Vergabe von Platzkarten zu regulieren. Als sich die Antisemiten jedoch immer wieder auf falschen Namen Karten besorgten, sah sich die Partei gen\u00f6tigt, beim Einlass eine umfassende Personenkontrolle durch eine \u201e<em>Privatpolizei<\/em> gegen Bezahlung, zu der besonders handfeste Parteigenossen ausgew\u00e4hlt wurden\u201c einzurichten (Richter 1894, II, 202\u00ad\u2013203). Auch andere Gruppen bildeten solche inoffiziellen Schutzgruppen, die sodann auch beim Angriff auf gegnerische Veranstaltungen eine Rolle spielten. Dar\u00fcber hinaus wurden interaktive Programmteile, wie die Vorstandswahl und die Diskussion, eingeschr\u00e4nkt. Der liberale F\u00fchrer Eugen Richter machte es sogar zur Bedingung seiner \u201eAuftritte\u201c, dass bei der Versammlung keine Debatte stattfinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein physischer Konflikt wenig erfolgversprechend schien, versuchten die Parteien, den Gegner auszutricksen. Sie k\u00fcndigten Kundgebungen unter irref\u00fchrenden Titeln oder erst in allerletzter Minute an, um zu vermeiden, dass sich feindliche Elemente unter das Publikum mischen konnten. Besonders die Sozialdemokraten hielten allerdings dagegen, indem sie eine Art Fr\u00fchwarnsystem einrichteten. Genossen waren angehalten, ihre Parteifunktion\u00e4re schnellstm\u00f6glich telefonisch oder telegrafisch zu informieren, wenn irgendwo eine Veranstaltung angek\u00fcndigt wurde, sodass sie rechtzeitig eintreffen konnten. So ergab sich ein gegenseitiger Waffenwettlauf, der, wie sich Scheidemann erinnerte, von den Sozialdemokraten \u201egeradezu sportm\u00e4\u00dfig\u201c betrieben wurde (Scheidemann 1928, I, 93\u201397).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"189\" src=\"https:\/\/www.demokratie-geschichte.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Trotz-der-lautstarken-Entruestung-weistresize.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3172\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wenig \u00fcberraschend wurden gegnerische Sprengungsversuche in der politischen Gesinnungspresse allgemein skandalisiert, w\u00e4hrend dasselbe Verhalten beim eigenen Lager als Notwehr entschuldigt wurde. Im Vorwurf, dass sich der Gegner der Debatte durch unfaire Mittel entziehe, \u00fcberlagerten sich Normen politischer \u201eMannhaftigkeit\u201c mit der Frage nach den legitimen Mitteln politischer Auseinandersetzung. Sofern die Versammlung weiterhin als quasi-repr\u00e4sentative Volksversammlung betrachtet wurde, konnte ihre Sprengung als Mundtotmachung der vox populi empfunden (oder zumindest dargestellt) werden. Vor dem Hintergrund der zeitgen\u00f6ssischen Massensoziologie wurden die St\u00f6rungen als Zeichen eines generellen Verfalls der politischen Kultur gedeutet. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum sol\u00adche Narrative popul\u00e4r waren. Einerseits kn\u00fcpften sie an<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionen eines elit\u00e4ren Antipopulismus an. Andererseits lie\u00dfen sie sich aber auch leicht instrumentalisieren, indem sie den jeweiligen Kontrahenten als Zerst\u00f6rer des respektablen Diskurses darstellten. Doch ist auff\u00e4llig, dass im \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber solche Ereignisse neben abwertenden Ausdr\u00fccken wie \u201eWahlterror\u201c auch neutralere Bezeichnungen auftauchten. So wurden die Ereignisse etwa als sport\u00adli\u00adches Kr\u00e4ftemessen, als Schauspiel oder als \u201enachgerade ein harmloses Vergn\u00fcgen\u201c (Laufenberg 1911, Bd. I, S. 608) beschrieben. Der Zentrumsabgeordnete Johannes Giesberts berief sich halb-ironisch auf das nun mal etablierte \u201eVersammlungsfaustrecht\u201c (Reichstag, Sg. v. 21.3.1906). So mischten sich in die Emp\u00f6rung auch Andeutungen einer zumindest impliziten Akzeptanz einer Praxis, die auf allen Seiten des politischen Spektrums zunehmend zum Alltag geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rte auch, dass die Konflikte zwar einen handfesten, aber auch ritualisierten Charakter hatten. Gew\u00f6hnlich fingen die Ereignisse mit akustischen St\u00f6rungen an und durchliefen danach je nach Situation und Erfolg verschiedene Eskalationsstufen, von gegenseitigen Beschimpfungen \u00fcber Drohgeb\u00e4rden und punktuelle Handgreiflichkeiten bis hin zur \u201eSaalschlacht\u201c. Eskalation hie\u00df aber nicht v\u00f6llige Enthemmung. In der Regel orientierten sich beide Seiten an impliziten Regeln eines \u201eehrlichen\u201c Kampfs. Ein allzu gro\u00dfes quantitatives Ungleichgewicht wurde ebenso abgelehnt wie das Angreifen von Frauen, Kindern oder Greisen. Manchmal kamen neben F\u00e4usten auch Gegenst\u00e4nde und sogar Waffen zum Einsatz, aber auch hier wurde von den Beteiligten auf \u201eVer\u00adh\u00e4lt\u00adnism\u00e4\u00dfigkeit\u201c geachtet. Wer sich allzu milit\u00e4risch gerierte, verlie\u00df in zeitgen\u00f6ssischen Augen das Feld der Politik. Schlie\u00dflich hing die zeitgen\u00f6ssische Beurteilung von der Motivation der Beteiligten ab. Die gegenseitigen Verd\u00e4chtigungen, dass es sich bei den jeweiligen Gegnern um bezahlte Schl\u00e4ger oder alkoholisierte Krawallbr\u00fcder gehandelt habe, verweist darauf, dass dieselbe Praxis unterschiedlich beur\u00adteilt wurde, je nachdem ob sie aus \u201epolitischen\u201c oder \u201eunpolitischen\u201c Motiven hervorging. Auch wenn sich manche Situationen zuspitzten, blieb das Geschehen meist auf Rangeleien beschr\u00e4nkt, die vor allem den Charakter eines symbolischen Kr\u00e4ftemessens hatten. Gerade auch mit Blick auf die Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg sticht somit die Ambivalenz der Konstellation im sp\u00e4teren Kaiserreich hervor. Einerseits sind hier deutlich die Vorzeichen einer Politik erkennbar, die auf die gegenseitige Demonstration von St\u00e4rke ausgerichtet war (sodass auch die These, dass diese Umstellung mit der Brutalisierung aufgrund der Kriegs\u00ader\u00adfah\u00adrung in Verbindung gebracht werden m\u00fcsse, noch einmal zu differenzieren ist). Andererseits muss betont werden, dass es sich bei den Saalschlachten des Kaiserreichs zwar um eine wenig zimperliche, aber doch eingehegte Form der politischen Konfliktaustragung handelte, die mit den Gewaltexzessen der Sp\u00e4tphase der Weimarer Republik nicht in eins gesetzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem knappen \u00dcberblick lassen sich vier zentrale Schlussfolgerungen ableiten. Erstens: die These von der generellen Diskussionsunf\u00e4higkeit des Kaiserreichs wird von seiner lebendigen politischen Debattenkultur L\u00fcgen gestraft. Gleichzeitig zeichnete sich darin seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein deutlicher Wandel ab, der sich als Schwerpunktverschiebung von der Deliberation zur Demonstration kennzeichnen l\u00e4sst. Dass parallele Entwicklungen etwa zeitgleich auch f\u00fcr Frankreich und Gro\u00dfbritannien festgestellt worden sind (Lawrence 1998; Cossart 2010) verweist darauf, dass hier nicht nur national spezifische, sondern auch allgemeinere Faktoren zum Tragen kamen, wie die Entstehung der Massenpresse, der gesteigerte Organisationsgrad na\u00adtio\u00ad\u00adna\u00adler Parteien und ein politischer Mo\u00adbi\u00adlisierungsschub im Kontext des erweiterten Wahlrechts.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens f\u00fchrte die gesteigerte Organisationskraft der Parteien nicht in jeder Hinsicht zur Disziplinierung der politischen Interaktion. Von Anfang an wa\u00adren die Versammlungen von einem Spannungsmoment zwischen einer quasi-parlamentarischen Form\u00adsprache und einer Vielfalt von teilweise noch in volkst\u00fcmlichen Protesttraditionen gr\u00fcndenden St\u00f6rpraktiken gepr\u00e4gt. Die verst\u00e4rkte Einhegung solcher Unruhemomente, etwa durch die Homogenisierung des Publikums und die Einschr\u00e4nkung dialogischer Programmpunkte, bewirkte schlie\u00dflich aber keine Pazifizierung. Vielmehr ver\u00e4nderte sich die St\u00f6rungspraxis. Aus einem relativ spontanen, situativen Ereignis wurde ein organisierter Aktionsmodus. Nicht nur an den Extremen, sondern im ganzen politischen Spektrum bem\u00fchten sich Parteien, auch physisch die Hoheit \u00fcber das Forum der politischen Versammlung zu erlangen. In manchen F\u00e4llen wurden dabei sogar Aspekte der Institutionalisierung sichtbar, wie etwa die Selektion eines auf diese Art der Auseinandersetzung spezialisierten Personals.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens: Bez\u00fcglich des Umgangs mit politischer Pluralit\u00e4t hebt der Blick auf die Versammlungspraxis erneut die Notwendigkeit hervor, allzu eindeutige Pau\u00adschal\u00adurteile \u00fcber \u201edas\u201c Kaiserreich zu vermeiden. Die kontradiktorischen Versammlungen bilden einen scharfen Kontrast zu vielen anderen Bereichen, die von Abschottung, Konflikt und Repression gekennzeichnet waren, aber negieren diese nicht. Auch im Umgang mit den St\u00f6rungen treten Ambivalenzen zutage. In der Presse\u00f6ffentlichkeit wurden diese fast ausnahmslos skandalisiert. Parteien stellten ihre Gegner als Zerst\u00f6rer der ehrlichen, argumentativen Auseinandersetzung dar. Kulturkritiker diagnostizierten eine allgemeine Krise der Debatte im Zeitalter der Massen. Doch obwohl solche \u00c4u\u00dferungen als Teil des \u00f6ffentlichen Diskurses ernst zu nehmen sind, d\u00fcrfen sie nicht f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen werden. Trotz der lautstarken Entr\u00fcstung weist Einiges darauf hin, dass diese Art der physischen Auseinandersetzung von vielen als legitimer Teil der politischen Interaktion akzeptiert wurde. Diskursive Polarisierung und praktisches Arrangieren standen in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zueinander, das aber nicht zugunsten einer der beiden Alternativen aufgel\u00f6st werden kann, sondern selbst als wesentliches Merkmal einer komplexen Konstellation begriffen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich heben die Versammlungen die Vielfalt politischer Partizipationsmodi hervor. Die Vorstellung, dass der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung im Kontext des sich etablierenden politischen Massenmarkts auf die Rolle eines passiven Konsumenten reduziert wurde, ist nur bedingt tragf\u00e4hig. Richtig ist, dass der Aspekt der diskursiven Interaktion nicht nur zwischen den verschiedenen Lagern, sondern auch zwischen dem Redner und seinem Publikum um die Jahrhundertwende in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wurde. Neben den neuen quantitativen Dimensionen der Versammlungen spielte dabei auch die Logik einer sich ver\u00e4ndernden Medienlandschaft eine Rolle, die immer st\u00e4rker auf die Figur des \u201egro\u00dfen\u201c Redners fokussiert war. Doch auch wenn das Versammlungspublikum nur noch selten individuell zu Wort kam, war es keineswegs passiv. Einerseits wurde seine Bedeutung als Resonanzk\u00f6rper gerade gesteigert, da die Lautst\u00e4rke und Energie der Publikumsreaktionen zum performativen Ziel der Veranstaltung, die Macht des eigenen Lagers zu demonstrieren, wesentlich beitrugen. Dar\u00fcber hinaus bildete die Praxis der Versammlungsst\u00f6rung und ihre Verhinderung einen eigenen Partizipationsmodus, durch den sich gerade auch Bev\u00f6l\u00adke\u00adrungs\u00adschichten, die im Verbalkampf selten geh\u00f6rt wurden, in der politischen Arena bemerkbar machten.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Literatur:<\/h4>\n\n\n\n<p>Cossart, Paula, Le Meeting politique. De la d\u00e9lib\u00e9ration \u00e0 la manifestation, 1868\u20131939, Rennes 2010<\/p>\n\n\n\n<p>Elias, Norbert, Studien \u00fcber die Deutschen. Machtk\u00e4mpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, 4. Aufl.,<br>Frankfurt a.M. 1990<\/p>\n\n\n\n<p>Laufenberg, Heinrich, Geschichte der Arbeiterbewegung in Hamburg, Altona und Umgegend, 2 Bde., Hamburg 1911<\/p>\n\n\n\n<p>Lawrence, Jon, Speaking for the People. Party, Language, and Popular Politics in England, 1867\u20131914,<br>Cambridge\/New York 1998<\/p>\n\n\n\n<p>Owzar, , Armin, &#8222;Reden ist Silber, Schweigen ist Gold&#8220;. Konfliktmanagement im Alltag des wilhelminischen Obrigkeitsstaates, Konstanz 2006<\/p>\n\n\n\n<p>Richter, Eugen, Im alten Reichstag. Erinnerungen, 2 Bde.,<br>Berlin 1894<\/p>\n\n\n\n<p>Scheidemann, Philipp, Memoiren eines Sozialdemokraten,<br>2 Bde., Dresden 1928 Stampfer, Friedrich, Erfahrungen und Erkenntnisse. Aufzeichnungen aus meinem Leben, K\u00f6ln 1957<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theo Jung Die Erfahrung mit politischer Polarisierung hat die Frage nach den kommunikativen Formen des politischen Austausches neuerdings wieder verst\u00e4rkt auf die Agenda gesetzt. Ist der Tonfall \u00f6ffentlicher Debatten verroht oder werden Sagbarkeitsgrenzen durch politische Korrektheit gerade immer mehr eingeschr\u00e4nkt? 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